Erfahrungen & Bewertungen zu hetzl & hirsch

Michael Hetzl: Frau VerheyenJana_Verheyen_hetzl-hirsch, Sie coachen und beraten Schwerhörige. Mit welchen Herausforderungen sehen sich Menschen mit einem Hörverlust konfrontiert?

Jana Verheyen: Die Folgen einer Schwerhörigkeit sind vielfältig und werden oft — auch und gerade von den Betroffenen — unterschätzt. Eine Schwerhörigkeit ist eine Kommunikationsbehinderung. Wer nicht alles versteht, dem fehlen zunächst Informationen, die das normal hörende Umfeld mündlich untereinander austauscht. Aber auch bei inhaltlich eher unwichtigen Themen, die für das soziale Miteinander dennoch quasi das Salz in der Suppe sind, kann er nicht mitreden, Witzen folgen oder entspannten Smalltalk führen und fühlt sich daher in Gruppen leicht außen vor. Dieser drohende informative und soziale Ausschluss zehrt am Selbstbewusstsein, ist anstrengend und deprimierend zugleich. Viele ziehen sich zurück, anstatt in die Offensive zu gehen, meiden soziale Aktivitäten, reduzieren ihre Freundeskreise — und sind irgendwann sehr einsam. Hinzu kommt, dass Schwerhörige oft übermüdet sind und auch ein schlechteres Gedächtnis haben als früher. Denn sie müssen die akustischen Lücken — also das, was sie nicht hören, zum Sprachverständnis aber benötigen — durch ein permanentes paralleles Hinterfragen und Abgleichen selber füllen. Auch das Mundbild, Gestik und Mimik werden mit einbezogen, um die Inhalte richtig zu entschlüsseln. Diese nach außen nicht sichtbare Hör-Arbeit ist sehr kräftezehrend und benötigt hohe kognitive Ressourcen, die an anderer Stelle fehlen. Auch das Richtungs- und Entfernungshören wird zunehmend schwieriger. Wer nicht über das Gehör nebenbei mitbekommt, von wo ein Geräusch kommt und wie weit entfernt es ist, dem geht die natürliche räumliche Sicherheit verloren. Um beurteilen zu können, ob etwas Gehörtes relevant ist — also ob gehandelt werden muss, z.B. wenn ein Auto kommt —, müssen die Augen die Beurteilung fast jeder Geräuschquelle übernehmen. Das ist anstrengend, stresst und kann zudem die permanente akustische Unsicherheit nur teilweise kompensieren.

Michael Hetzl: Das hört sich sehr komplex und nicht einfach an. Ab welchem Ausmaß der Hörminderung werden die genannten Folgen denn gravierend?

Jana Verheyen: Die Folgen treten so langsam auf, wie das Gehör nachlässt und gehen erstaunlicherweise schon bei einer leichten Schwerhörigkeit los. Durch den schleichenden Prozess ist kein direkter Vergleich möglich, sodass die Erkenntnis sowohl über das Ausmaß der Hörminderung als auch der durch sie verursachten Folgen lange hinausgeschoben werden kann. Vielen Betroffenen ist daher oft erstaunlich lange nicht bewusst, dass eine Hörminderung vorliegt und die negativen Folgen bereits auftreten. Sie ahnen irgendwann etwas, sind auch latent unzufrieden mit der Entwicklung des sozialen Miteinanders, haben aber zeitgleich den Eindruck, dass noch kein Handlungsbedarf besteht, da sie sich die negativen Folgen kleinreden. Was dagegen alle früher oder später deutlich merken, sind die zunehmende Übermüdung und der zugleich steigende Aufwand, um Gespräche zu führen. Beides zusammen führt dazu, dass den Betroffenen oft schlicht die Kraft fehlt, sich nach der Arbeit noch mit Freunden oder Bekannten zu unterhalten. Auch für große Runden mit lauter Geräuschkulisse fehlt oft einfach die Energie. Manche reagieren gereizt, weil sie permanent gedanklich arbeiten müssen, wenn andere sich nur entspannt unterhalten wollen, können das aber selber nicht genau zuordnen oder dem Umfeld erklären. Viele schieben diese Symptome auf das zunehmende Alter und ahnen nicht, dass ein Hörgerät bereits ein großer Teil der Lösung wäre.

Michael Hetzl: Woran erkennt man eine Hörminderung? Wird plötzlich alles leiser?

Jana Verheyen: Genau das ist eben nicht der Fall. Sonst wäre den Betroffenen deutlich früher klar, was los ist. Denn bei der klassischen Schwerhörigkeit, die mit zunehmendem Alter eintritt, bleiben die für das Lautstärke-Empfinden wichtigen tiefen Töne oft erhalten. Was dagegen nachlässt, sind die hohen Töne, die u.a. auch für die Spracherkennung notwendig sind. Viele Konsonanten — wie z.B. das P, K, S oder T — werden nicht mehr gehört. Der Schwerhörige hat also nicht den Eindruck, dass die Lautstärke nachlässt, sondern dass die Gesprächspartner undeutlicher reden und dass besonders Gespräche in lauter Umgebung zunehmend schwierig werden.

Michael Hetzl: Was kann der Betroffene tun, um die genannten Folgen zu vermeiden?

Jana Verheyen: Ganz vermeiden lassen sie sich oft nicht. Aber sie können so gering gehalten werden, dass ein soziales, aktives Leben problemlos (wieder) machbar ist. der sollte sich umgehend um ein Hörgerät 0bemühen! Denn je früher eines getragen 0wird, desto leichter fällt es dem Gehirn, die durch das Hörgerät erzeugten Töne in das 0natürliche Klangbild zu integrieren. Und mit steigendem Sprachverständnis kommt auch die Lebensenergie wieder zurück. Wer sich schönredet, die Hörschädigung und ihre Folgen seien (noch) nicht aus-geprägt genug, um handeln zu müssen, der tut sich keinen Gefallen: Je länger gewartet wird, desto schwieriger wird die Anpassung. Hörgeräte sind somit der erste Schritt, sich seine Lebensqualität zurückzuerobern. Anschließend geht es darum, ehrlich anzuerkennen, wo genau die kommunikativen und sonstigen akustischen Schwierigkeiten dennoch erhalten bleiben. Denn Hörgeräte können leider oft nicht alles kompensieren. Diese Erkenntnisse sind häufig schmerzhaft, aber unumgänglich, um sich für Lösungswege zu öffnen.

Michael Hetzl: Welche Lösungswege können das sein?

Jana Verheyen: Es geht zum Beispiel darum, das Umfeld aktiv mit einzubeziehen. Denn Schwerhörige sind auf das Verständnis und die Unterstützung der normal Hörenden angewiesen. Vieles ist leicht umzusetzen, man muss es nur wissen — wie zum Beispiel der Blickkontakt, wenn man sich mit einem Schwerhörigen unterhält, damit er das Mundbild als zusätzliche Informationsquelle zur Verfügung hat. Voraussetzung dafür ist der offensive Umgang mit der eigenen Hörminderung, ihren Folgen und den sich daraus ergebenden Unterstützungsmöglichkeiten. Vor allem die Art und Weise, wie ich mein Umfeld informiere, ist dabei entscheidend. Denn niemand möchte zu etwas gezwungen werden. Wie die Unterstützungs- und Kommunikationsmöglichkeiten genau aussehen können, hängt sehr individuell von der Persönlichkeit des Betroffenen, seinem privaten wie beruflichen Alltag, seinem Umfeld und natürlich auch dem Grad der Hörminderung ab.

Michael Hetzl: Frau Verheyen, wir danken Ihnen für das Gespräch.

 

Jana Verheyen, Audiotherapeutin (DSB), systemischer Coach und selber schwerhörig, berät und coacht Privatpersonen, Unternehmen, Organisationen, Hörgeräte-Hersteller und Akustiker zu den Folgen einer Schwerhörigkeit und den dazu passenden Lösungsmöglichkeiten. Sie leitet Selbsthilfe-Seminare, hält Vorträge und gibt mehrtägige Workshops. Mehr dazu finden Sie auf www.audio-coaching.net

Quelle Interview: Oticon GmbH, www.oticon.de

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